Ein Höhepunkt zum Abschied der alten Garde

 

35. Bob-Senioren-Europapokal in Innsbruck/Igls, 20./21.02.2015

Der 35. Europapokal der Bob-Senioren in Innsbruck/Igls war von einem Generationenwechsel geprägt. Zum letzten Mal zeichnete das Team von Walter Delle Karth verantwortlich für die Organisation. Neu übernehmen zwei Männer die Führung, die zumindest das Bobfahren beherrschen. Sowohl Wolfgang Stampfer als auch Andy Zeidler standen beim 35. Rennen der schnellsten Bobsenioren der Welt auf dem Podest.

Walter Delle Karth, Peter Grimm, Helmut Zwerger, Jochen Babock, Toni und Max Rüegg sowie Inge Nerb: OK-Chef, Rennleiter, Jury-Präsident, Jury-Mitglieder und Rennsekretärin – sie haben es viele Jahre sehr gut gemacht. Und jetzt übergeben sie eine Veranstaltung, die es längst selbst zur Legende geschafft hat, in neue Hände. Zum Abschied gab es buchstäblich einen Höhepunkt in der Tradition des Senioren-Europapokals. Am Freitagabend begab sich die gesamte in Ehren ergraute Kufenprominenz auf 1905 Meter Höhe ins Bergrestaurant Seegrube am Hang der Nordkette – der majestätischen Bergkulisse von Innsbruck.

Zu Gast beim Olympiasieger
Nach einer Fahrt mit der futuristischen Hungerburgbahn und danach mit der Kabinenseilbahn wartete oben nicht nur eine gemütliche Stimmung und ein hervorragendes Essen auf die Bobsenioren, sondern auch ein hochrangiger Gastgeber. Thomas Schroll ist Geschäftsführer der Nordkettenbahnen. Der 49-jährige ehemalige Anschieber gewann 1992 in Albertville im Schlitten von Pilot Ingo Appelt mit Harald Winkler und Gerhard Haidacher die Olympische Goldmedaille. 1995 wurde er im Viererbob von Hubert Schösser in Winterberg Vizeweltmeister.

Während im Tal unten die Olympiastadt in zehntausenden Lichtern glitzerte tauschten die fast 150 Gäste im Restaurant alte Geschichten, Anekdoten und Heldentaten aus. Auch ein offizieller Akt fand in diesem festlichen Rahmen statt: Die Auslosung der Startnummern. Fast jede gezogene Nummer wurde kommentiert – teils von Raunen, teils von Gelächter begleitet. Natürlich erhielt das Debattieren um die Favoriten damit ebenfalls zusätzliche Nahrung. Einer meinte schon zu diesem Zeitpunkt: mit breitem Grinsen „Ich bin hier, um mir den Titel zurückzuholen“. Der das sagte, war der Thüringer Matthias Grunwald, nach zwei Siegen in Folge im Vorjahr von Wolfgang Stampfer entthront. Dass der Österreicher die frühe Nummer 2 zugelost erhielt und Grunwald die 6, verlieh dem Duell zusätzlich Zunder auf Vorschuss.

Zwei Österreicher voran
Nach dem von Walter Delle Karth perfekt organisierten Auftakt folgte der Tag der Entscheidung mit dem Rennen. Wolfgang Stampfer / Jürgen Mayer setzten gleich einen Paukenschlag ins Eis. Ihre Zeit sollte die einzige unter 53 Sekunden bleiben. Dahinter folgten Matthias Grunwald / Lars Behrendt, Ivo Rüegg / Stefan Bamert, Andy Zeidler / Tommy Herzog und Ralph Rüegg / Elmar Schaufelberger. Alle übrigen der 24 Konkurrenten waren zur Halbzeit schon mehr oder weniger aus den Medaillenrängen gefallen. In der Alterskategorie 2 (über 45 Jahre) übernahm ebenfalls ein Österreicher die Zwischenführung: Kurt Einberger / Gerhard Redl vor Graham Richardson / Richard Hall (GB) und Manfred Maier / Klaus Seelos (Aut).

Ein Bob wie ein Ufo
Die wahre Sensation war aber ein legendärer Schlitten. Peter Hinz, mit fünf Siegen Rekordchampion des Senioren-Europapokals, brachte den Opel-Bob von 1980 an den Start. Und der legte mit fast lautloser Fahrt und guten Zeiten Zeugnis davon ab, wie revolutionär das Gefährt vor 35 Jahren war. Futuristische Aerodynamik, Plexiglashaube, aufblasbarer Heckspoiler und hintere Achsstabilisatoren machten den Opel-Bob zum „Ufo“ der Eiskanäle. Allerdings fand sich damals kein Alien, der damit an den Olympischen Spielen von Lake Placid schnell und sturzfrei fahren konnte. Das Projekt scheiterte kläglich und wurde zudem bald von der FIBT verboten.
Peter Hinz / Johann Jäger zeigten jedenfalls beim Rennen, dass der Opel-Bob Potenzial besass und belegten den ausgezeichneten 16. Rang im Feld von Gefährten, die allesamt um 25 und mehr Jahre jünger waren. Natürlich war der rare Schlitten aus dem Museum das meist fotografierte Motiv an diesem Tag in Igls. Selbst der erfolgreichste Bobpilot aller Zeiten, André Lange, schaute sich den Opel-Bob intensiv an.

Grunwald dreht Spiess um
Im zweiten Lauf gesellte sich ein 25. Teilnehmer dazu: Heftiger Wind, dessen Böen am Patscherkofel oberhalb von Igls 125 km/h erreichten – also gleich schnell wie die Bobs unten im Eiskanal. Ob der Wind das Rennen beeinflusste, ist unwahrscheinlich. Fairerweise blies er nämlich fast allen Konkurrenten gleich auf die Haube entgegen.

In der Kategorie 2 behaupteten Einberger / Redl ihre Führung und gewannen die Wertung vor Richardson / Hall und Maier / Seelos. Spannend ging es in der Topgruppe der Kategorie 1 zu. Jeder Bob im Ziel war jeweils um einen Sekundenbruchteil schneller als der Vorgänger. So übernahmen auch Ralph Rüegg / Elmar Schaufelberger nach ihrer Fahrt die Führung bevor die schnellsten vier Schlitten aus dem ersten Lauf in die Spur gingen.

Bei Ivo Rüegg spitzte sich der Kampf vollends zu. Der BCZS-Weltmeister von 2007 und 2009 fuhr exakt gleich schnell wie der vor ihm gefahrene Andy Zeidler. Somit war klar, dass es eine ex-aequo-Klassierung auf dem Podest geben würde. Und die sollte den Bronzeplatz betreffen. Denn die beiden ersten im Zwischenklassement fuhren nochmals schneller als alle anderen.

Grunwald /Behrendt legten eine Bombenzeit hin, sodass plötzlich die klare Führung von Stampfer/Meier nach dem ersten Lauf keineswegs mehr als Formsache für den Sieg erschien. Tatsächlich verloren die Österreicher vom Start bis ins Ziel kontinuierlich Zeit und waren am Ende um 0,14 Sekunden geschlagen. Die Kampfansage vom Vorabend hatte also gestimmt: „Ich bin hier, um mir den Titel zurückzuholen.“ Matthias Grunwald / Lars Behrendt haben nach 2012 und 2013 zum dritten Mal den Senioren-Europapokal gewonnen.

Schaumschlägerei bei der Siegerehrung
Wie immer geriet die Siegerehrung in der Zielkurve zum spritzigen Event. Das wird auch so bleiben, so lange Thomas Lang / Rainer Liebau unter die prämierten sechs Erstklassierten fahren. Das gelang dem deutschen Team der Kategorie 2 erneut – und schon ergossen sich Sektfontänen auf die Konkurrenz (darunter erstmals mit den zweitplatzierten Richardson / Hall britische Bobathleten). Diesmal sprudelte sogar Gold aus den Flaschen. Denn Rennsponsor war die Sektmanufaktur Goldstück aus dem Weinviertel nördlich von Wien, die kistenweise ihre Edelschaumweine mit echtem Goldflitter nach Igls gebracht hatte.

In der Kategorie 1 wurde es eng auf dem Podest der Drittplatzierten mit zwei gleichschnellen Teams. Für den neuen Fahnenkurbler Viktor Baumann war es ein Glück, dass beide aus der Schweiz kamen. So blieb es bei drei Fahnen am Mast – schön verteilt auf je eine aus Deutschland in der Mitte, Österreich links und Schweiz rechts.

Generationswechsel vollzogen
Walter Delle Karth vom Bobclub Igls verabschiedete sich an der Siegerehrung ein erstes Mal mit wehmütigen aber schönen Worten. „Organisatorisch gehe ich nach zehn Jahren in den Ruhestand“, sagte der Tiroler. Auch als Bobpilot sieht er bald seine Tage gezählt, der Taxibobkönig von Igls will die Steuerseile in andere Hände übergeben. „Es war eine fantastische Zeit mit grossartigen Leuten im Team“, schwärmte Walter über die nun zu Ende gehende Ära. Den Nachfolgern wünschte er viel Freude, Glück und Erfolg. Zudem hofft Delle Karth, dass die Senioren laufend Nachwuchs erhalten durch vom Spitzensport zurückgetretene Bobaktive. „Diese grossartige Tradition darf nicht abreissen.“
Abends folgte die nächste Feier. Traditionell beim Isserwirt stieg die Party mit Übergabe des Siegerpokals an Grunwald / Behrendt. Wolfgang Stampfer und Andy Zeidler werden sich wohl gedacht haben: „Verdammt, nächstes Jahr wird es noch schwerer sein, die Burschen zu besiegen, wenn wir auch noch Veranstalter sind!“

Immerhin steigen zwei ehemalige Sieger an die Spitze des Organisationskomitees. Die alte Garde hat es grossartig gemacht, die alte Garde kann ihr Werk vertrauensvoll in neue Hände geben. Dass drei wichtige Exponenten jener alten Garde – Rennleiter Peter Grimm, Jurypräsident Helmut Zwerger und Jurymitglied Max Rüegg – diesmal krankheitshalber passen mussten, war schon fast ein Vorgeschmack auf den Generationswechsel. Beruhigend ist es jedenfalls, dass sofort Andere eingesprungen sind wie Viktor Baumann und Kurt Rüegg, die beide erstmals zu Jury-Würden gelangten und Toni Rüegg seine Premiere (und Derniere) als Rennleiter erlebte.

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